Saudi Arabien


Mina



Der Stein des Anstoßes – eine lange Reise zur Heiligen Stadt

Die große Frage gleich zu Beginn lautet: Wie kann man einen Stein in die heilige Stätte, an den heiligsten Orte der Muslime bringen, bzw. bringen lassen, die für Nicht-Muslime verboten sind?
Da half nur eins: Eine gute Geschichte mußte erfunden werden, um das Interesse von Verwandten und Fremden gleichermaßen für diesen guten Zweck zu gewinnen.

Mekka ist seit den Anfängen des Islams im 7. Jahrhundert Ziel des Hadsch, der größten jährlichen Wallfahrt der Welt. Der Hadsch, eine der fünf Säulen des Islam, dauert 5 Tage in deren Verlauf die Pilger vorgeschriebene Rituale in Mekka und an heiligen Stätten der Umgebung zelebrieren.
Nur sehr wenige Europäer haben ihr Leben riskiert, um den Hadsch durchzuführen. Der Schweizer Jacob Burkhardt und der Brite Sir Richard Burton.

Die erfundene Geschichte entstand im islamischen Kontext, der vor dem bösen Blick schützen möchte. Zu diesem Zweck werden als Gegenmittel Augen aus Glas oder Keramik in den Häusern oder auch am Körper getragen, die den „bösen Blick” entmachten. Ich erfand nun ein junges Ehepaar, dem der Kinderwunsch bisher versagt geblieben war. Laut einem Hodscha in Istanbul sollte nun dieses Ehepaar mithilfe eines „guten Auges” von dem bösen Blick befreit werden, der bisher dem Kinderwunsch im Wege stand. Weiterhin sollte dieser Stein nicht irgendwo abgelegt werden, sondern an einem bestimmten Ort der Pilgerroute nach Mekka, nämlich Mina (8 km von Mekka entfernt), wo man das Böse und den Teufel steinigt. Dieses Ritual entstand, weil Abraham dreimal Steine nach dem Teufel geworfen hat und wird symbolisch an drei Steinsäulen von Gläubigen nachvollzogen.
Der Stein von Volker machte zunächst den Weg von Frankfurt nach Istanbul, den ich bei meiner Reise mitnahm und dort meinem Neffen übergab. Er brachte den Stein nach Konya zu meiner Schwester, die dort in einer Grundschule als Lehrerin tätig ist. Sie fragte in der Klasse, ob jemand aus der Familie oder Verwandtschaft plane nach Mekka zu pilgern. Tatsächlich fand sich die Mutter einer Schülerin, deren Onkel sich bereit erklärte für diesen guten Zweck den Stein mitzunehmen. Der Stein machte also den langen Weg von Frankfurt über Istanbul und Konya nach Mekka und wurde schließlich in Mina abgeworfen.
Es möge nun Volker nicht noch weiterer Kindersegen treffen, vielmehr soll dem Bösen und Schlechten in der Welt das „gute Auge” entgegenwirken.


Zafer Toker, Frankfurt/Main, Yiġit Kurt, Istanbul, Sabahat Kurt, Konya
2003