Rußland


Awatschinskaja Sopka


Am Ende der “alten” Welt oder am Beginn der “Neuen”?: Kamtschatka

„Und fuer unser Volk ist es schwierig, sich Russland vorzustellen, mit allen moeglichen Klimazonen von arktisch bis tropisch, mit vielen unterschiedlichen Rassen und Sprachen“,
John Steinbeck, A Russian Journal, 1948.

Seit meiner ersten Begegnung faszinieren mich dieses Land und seine Menschen immer wieder aufs Neue.
Was man gerne verdrängt, dass Russland ein Land der Superlativen war und ist: Allein die schiere Größe das Landes (fast 50 mal so groß wie Deutschland) mit 11 Zeitzonen, mit mehr als 140 Nationalitäten, mit allen Weltreligionen dieser Erde und mit allen möglichen klimatischen Zonen mit entsprechender Flora und Fauna! Bei meinen Reisen in viele Gebiete des Landes, war ich immer wieder Zeuge dieser immensen Größe und seiner Gegensätze.

Es war mir immer ein Herzenswunsch auch einmal den östlichsten Punkt des Landes von Moskau aus zu besuchen. Leider hat es aber nur bis Kamtschatka gereicht. Anfang August 2011 habe ich gemeinsam mit meinen russischen Freunden einen 10 Tage andauernden „Männer-Trip“ als Großstadt-Cowboys unternommen.

Mit 8 Stunden Zeitunterschied zu Moskau und fast 10 Stunden Flug von Moskau erreicht man die größte Halbinsel Ostasiens, die von der Fläche einige Tausend km² größer ist als Deutschland. Von den knapp 400.000 dort lebenden Halbinsulaner (angeblich gibt es mehr Bären als Menschen!!) leben die Hälfte in der Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski.

Man kommt nicht hierher, auf den Spuren der Geschichte oder um kunsthistorische Entdeckungen zu machen. Hier steht die Natur in ihrer ursprünglichsten Form im Zentrum: Von mehr als 160 Vulkanen (30 davon aktiv), Geysiren und anderen warmen Wasserquellen, Flüsse, aus denen man mit bloßen Händen fischen kann, natürlich nur, wenn man schnell genug ist, Bäche, aus denen man trinken kann, grün und Wald soweit das Auge reicht. Es zischt, rumort, riecht und blubbert ringsum.
Man muss sich aufs Wesentliche beschränken: Sobald man die Ortschaften verlässt, funktionieren die Handys nicht mehr und man ist von der Außenwelt abgeschnitten. Will man etwas sehen muss man zu Fuß marschieren, mit dem Boot paddeln, oder mit einem russischen Miliär LKW KAMAZ langsam und sehr abenteuerlich die Dakar Rallye nachahmen. Hier braucht man zu Fuß viele Tage, mit einem KAMAZ für 60-80km ungefähr 4 Stunden.
Natürlich gibt es auch für Großstadthektiker und Snobs Hubschrauber: Die Touren liegen zwischen 1000 US$ bis 10.000 US$ pro Person, wer sich’s leisten kann!
Hier kann man in jeder Hinsicht seine Grenzen und Möglichkeiten spüren und austesten, sich Eins mit der Natur fühlen und sich auf die elementaren und einfachen Bedürfnisse des Menschseins besinnen.

Bei allen Begehungen, Märschen, Bootsfahrten flussauf und ab, Pazifiktouren, ja, auch einer Hubschraubertour, war das Auge mit dabei und hat alles gesehen. Abgelegt habe ich den Augenstein dann auf den Kraterrand des Vulkans Awatschinskaja Sopka (Авачинская сопка). Dieser aktiver Schichtvulkan hat eine Höhe von ca. 2.800 m und liegt nördlich der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski - immer in Sichtweite zur Stadt. Von vielen Stellen aus kann man ihn sehen. Auf dem Gipfel der Awatscha kann man den Krater mit einem Durchmesser von 350 m bewundern. Um dorthin zu gelangen, mussten wir 7,5 Stunden stramm marschieren, mit einer durchschnittlichen Steigung von etwa 40 Grad. Oben angekommen - fix und fertig -aber glücklich, haben wir das Panorama der umgebenden Landschaft, die unterschiedlichsten Farben (Schwarz, Rot, Schwarz) und stinkenden Rauch des vor sich hin köchelnden Vulkans bewundert.
Weil es das Anstrengendste war, was ich je in meinem Leben gemacht habe, habe ich den Stein dort abgelegt, bevor wir den 5-stündigen Rückmarsch angetreten haben. Zuvor aber habe ich ganz in der Manier der hier lebenden schamanischen Ureinwohner der Halbinsel (Korjaken, Itelmenen), den Feuergott um Gesundheit und Glück für meine Familie gebeten. Er möge die Gebete erhören.

Nach insgesamt mehr als 12 Stunden Marsch endlich zurück am Basiscamp fühlte ich mich erschöpft und glücklich zugleich. Mit einer Flasche Kamtschatka-Bier auf dem Boden sitzend und den Vulkan betrachtend stellte ich fest, dass dies für mich die wohl eindrucksvollste Erfahrung mit der Natur war.

Zafer Toker, 14. August 2011, Moskau


Zafer Toker, Frankfurt/Main
2011