Polen


Krakau


Drei Tage wanderte der Stein in meiner Hosentasche durch Krakau.
Sein ursprünglicher Besitzer hatte ihn mir vermacht. Auch er hatte wohl die Last des Steines gespürt und sich - nun „befreit” - immer wieder interessiert nach dem Ort erkundigt, der es in meinen Augen tatsächlich Wert wäre, eine außergewöhnliche, exklusive oder bedeutungsschwere Stellung einzunehmen.

Mein Blick auf die Stadt hatte sich von Stund’ an verändert.
Krakau – welch eine Fülle von Möglichkeiten. Historische und politische Bezüge, eine von Ungleichzeitigkeiten bestimmte, eine alte, traditionsreiche und sich zugleich atemberaubend modernisierende Stadt.

Weg der Steine - Polen /Krakau - Foto Der Friedhof, im Hintergrund
die Mauer mit dem Stein

Weg der Steine - Polen /Krakau - Fotoblank
Der Augenstein liegt in Kazimierz, in der Mauer des alten Friedhofs neben der Remuh Synagoge.
In diese Mauer sind all die Grabsteine eingelassen, die zerstört, und in ihren Bruchstücken einem Ganzen nicht mehr zuzuordnen, waren.
Der Stein blickt gen Himmel. Vorher hatte das Auge des Steins auf den alten Grabsteinen geruht, von denen manche eine beeindruckende Geschichte erzählen können. Der alte Friedhof wurde wieder hergestellt. Man hatte sehr alte Grabsteine unter der Erde gefunden.
Manche Juden waren früh wirkliche Kosmopoliten, im positiven Sinne Wegbereiter der Globalisierung.

Es ist das Bewahren, das mich berührt hat.
An diesem Ort wird versucht, ein beharrliches und durch die Faktizität der Ereignisse zugleich nahezu müßiges Gegenwicht zu setzen gegen die Auslöschung fast der gesamten jüdischen Bevölkerung Krakaus und ihrer Kultur durch die Nazis sowie die Zerstörung des ursprünglichen jüdischen Viertels, in dem damals nur noch die orthodoxen und armen Bevölkerungsteile der Krakauer Juden verblieben sein sollen.


Weg der Steine - Polen /Krakau - Foto
Der Friedhof aus der Perspektive des Steins.

Heute wird in Kazimierz jedes Jahr ein viel beachtetes jüdisches Kulturfestival organisiert. Kazimierz wird als typisch jüdisches Viertel restauriert. Das ist gut.

Aber die jüdische Stadt und ihre Bevölkerung existieren nicht mehr.

Waltraud Kallenbach



Waltraud Kallenbach, Frankfurt/Main
2003