Nigeria


Umunumo




Oktober 2006

Wo liegt der Stein?

Der Augenstein befindet sich in Nigeria im Dorf Umunumo, Imo State, auf halber Strecke zwischen Port Harcourt und Enugo. Es ist ein Ort mit etwa 15 000 Einwohnern, wovon sich fast die Hälfte während der Woche in den umliegenden Städten zur Arbeit aufhält. In dieses Dorf kamen wir Onyo-chas, sieben „Weiße“, um uns mit dem Partnerschaftsprojekt „Mbara Ozioma“ vertraut zu machen, das der noch in der Schweiz arbeitende nigerianische Pfarrer Ozioma Nwachukwu und der evangelische Pfarrer Roland Just für Oziomas Heimatdorf gründeten.
Der Augenstein liegt auf der Veranda des Pfarrhauses, das von vielen Menschen besucht wird, er blickt in viele Gesichter. Vielleicht hat ihn aber auch längst jemand mitgenommen.

Dorfbrunnen mit Zisterne Nachbarskinder


Was sieht der Stein?

Der Stein blickt auf einen Teil des Dorfes und auf den tropischen Regenwald. Neun Monate im Jahr wächst die Natur üppig und alles leuchtet saftig grün: Urwaldriesen, Kokospalmen, Bananenstauden, Ananasstauden, Yam, Kassava und viele andere Pflanzen wachsen in den kleinen, unter den Familien aufgeteilten Parzellen im Gewebe des Waldes: Ein Garten Eden, denn die Igbos können praktisch alles zum Essen verwenden.

Zwischen den Bäumen stehen einfache Hütten mit Blechdächern, die Küche oder Toilette befindet sich oft außerhalb des Hauses. Bald werden hier auf Anregung des Mbara-Projekts wieder die traditionellen Lehmhäuser, doch mit verbesserter Technik, gebaut werden. Sie sind atmungsaktiv und temperaturausgleichend und somit besser an das schwülwarme Klima angepasst als die teureren Häuser aus Zementsteinen, die die Engländer in der Kolonialzeit eingeführt haben.

Der Stein sieht auch einen Brunnen mit Pumpstation. Das Wasserreservoir wurde letztes Jahr von Projektmitarbeitern gereinigt und die Pumpe in Gang gesetzt. Das bringt vor allem für die Dorffrauen große Erleichterung, da das Wasser vorher in der Regenzeit von einer drei Kilometer entfernten, von Bakterien verseuchten Quelle geholt und auf dem Kopf ins Dorf balanciert werden musste.

Was der Stein noch nicht sehen kann ist die geplante Sozialstation (natürlich in Lehmbauweise) mit Schulungsräumen z. B. für Computerkurse, kreative Workshopgruppen oder Nachhilfeunterricht, der „Home Care“- Einrichtung zur Betreuung alter Menschen, einer Ambulanz, einer Behindertenbetreuung, Ausbildungsstätten für verschiedene Handwerksberufe, einer Öl- und Getreidemühle u.s.w.

Außerdem wird von Projektmitarbeitern die traditionelle Musik aufgezeichnet und in Chören einstudiert und die Vegetation und die Verwendung von Heilpflanzen dokumentiert. Auch werden Stammbäume, Historie und alte, nur mündlich tradierte Geschichten des Dorfes in Zukunft hier im „Mbara“ archiviert. Ein rundum ganzheitliches Projekt, das partnerschaftliche Unterstützung zur Eigenentwicklung gibt, wie sie von den Einheimischen gewünscht und verstanden wird und das sich eines Tages ganz selbst tragen soll.


Markttag

Erster Kursunterricht


Und jetzt noch einige prägende Nigeria-Impressionen auf die „Steinbotschafterin“ Martina Seidel:

Ein erster Blick im Vorbeifahren am Straßenrand in Lagos:
Unter einer großen Werbetafel, die ein halb ausgepacktes blaues Packet und die Botschaft „Make your dreams come true“ zeigt, sitzen zusammengesunken fünf Afrikaner mit zerlöcherten Kleidern in einer zum rostigen Skelett verkommenen Bushaltestelle.

Nigeria ist ein widersprüchliches Land, geschäftiges Leben quillt einem überall entgegen, die meisten Menschen sind wahre Lebenskünstler darin, sich und ihre Familien durchzubringen, Militär und Regierung bereichern sich an den riesigen Ölvorkommen tun aber fast nichts für ihr Land, Korruption ist allgegenwärtig.
  • Am Flugplatz in Owerri stehen mit laufenden Rotoren die Helikopter, mit denen die Ölkonzerne fast ihren gesamten Personentransport ins Nigerdelta erledigen, seit ihnen die Bootsfahrten zu gefährlich geworden sind.

  • Überall grünt üppige und alles überwuchernde Natur( es gibt so viele unfertige Häuser und Kirchenruinen, für die das Geld ausgegangen ist). Dörfer und Städte mit ihren exotischen farbenprächtigen Marktständen unter Palmdächern dehnen sich amöbenhaft in den tropischen Busch aus. Menschen staunen uns an und schelmisch lächelnde Kinder rufen „onyo cha“ Sie bewegen sich außergewöhnlich graziös und würdevoll in ihren bunten traditionellen Kleidern. Immer wieder Lebensfreude, trotz allem gut gelaunte Afrikaner, die die kleinen Situationen des Alltags genießen, Dorffrauen, die sich abends zu Gesängen und Tänzen treffen...

  • Die Schulen befinden sich in kargen Baracken mit mehreren Klassen nebeneinander, keine Bücher, keine Materialien, zum Teil auch keine Lehrer (sie kommen nicht zum Unterricht, solange ihnen kein Gehalt ausgezahlt wird), kein Pausenbrot, oft kein Wasser, keine Ventilatoren... aber viele Kinder, die etwas lernen wollen!

  • Einen luxuriösen, durch eine Colanusszeremonie eröffneten Abend verbringen wir bei einem sehr freundlichen Gastgeber und Anamco-Manager in Enugu, der zugleich die Funktion des Egbe („His Royal Majesty“: gewählter König seines Stammes) innehat: Reichtum bedeutet in Nigeria, dass man sich von Wachen umgeben und hinter dicken Mauern und Schlössern verbarrikadieren muss.

  • Rituale spielen eine wichtige Rolle, Feste und Besuche werden mit feierlichen Zeremomien und gefühlvollen Reden eröffnet, die Gemeinschaft stiften.

  • Auf der zweistündigen Fahrt nach Enugu sehen wir fünf umgestürzte LKW`s - es gibt keine Verkehrsregeln, jeder darf fahren, der sich ein Auto leisten kann; man muss einfach nur immer alles im Auge haben und auch auf der „Autobahn“ mit Gegenverkehr rechnen. Wenn man rechts oder links überholen will, verständigt man sich durch Hupkonzert. Da hilft nur eines: Dem Fahrer vertrauen und das Abenteuer genießen! Hier bedanke ich mich vor allem bei Chidi in Umunumo und George in Lagos, mit dem ich fünf Stunden durch die chaotische, stickig schwüle, staugequälte 15 Mio-Einwohner-Stadt fuhr zum Nationalmuseum auf Lagos-Island, das letztendlich samstags geschlossen hatte... ( Hi George, as I promised: best regards from Germany!)


Im Hintergrund eine Kindergartengruppe, vorn eine Schulklasse

Der Igbe

Fotos von Ernst Langner, Iris Casanova und Martina Seidel



Martina Seidel, Mühltal
2006