Kanada


Summit Lake (67°42'27,0''N, 136°27'05,6''W)



Anfang Juli 2008. Kein Tageslicht. Ich, ein Augenstein, lag eingepackt in Zeitungspapier.  Ich war nicht allein; ein zweiter Augenstein reiste mit mir. Er sollte später  am legendären Yukon in Alaska bleiben.  Der hintere Stauraum eines Faltboots war unser Zuhause.  Unsere Nachbarn: Zahnbürste und Vaseline. Von Eiswänden, die über hunderte Kilometer die Ufer des Mackenzie Rivers säumten, von der wochenlangen Quälerei  unserer  Boten stromauf auf dem Rat River durch die Bergwelt der Richardson Mountains haben wir nichts mitbekommen.

Einst war der Rat River Handelsroute. Indianer  und Pelzhändler schleppten ihre Lastenkanus im vorletzten Jahrhundert stromauf, bugsierten sie stromab. Und Anfang der 1930er Jahre wurden hier zum ersten Mal in der Geschichte Flugzeuge zur Menschenjagd eingesetzt - die kanadische Polizei fahndete nach dem "Mad Trapper of the Rat River", nach Albert Johnson, der scheinbar grundlos zwei Polizisten erschossen hatte.

Im Februar 1932 narrte er Tagelang auf seiner spektakulären Flucht durch die Richardson Mountains seine Jäger. Noch heute kennt die Geschichte jeder am Mackenzie River. Seit Jahrzehnten herrscht hier unberührte Wildnis, nur selten nimmt jemand die Strapazen auf sich und versucht auf diesem Weg, vom Mackenzie River aus den Yukon zu erreichen.

Nach 150km stromauf bleibt vom Rat River nicht mehr als ein kleiner Waldbach. Verbarrikadiert von unzähligen Biberdämmen, Treibholz, Erlen windet er sich durch die ebene Tundra des McDougall Passes. Kleine Seen liegen auf der Paßhöhe, umringt von tausendfünfhunderter Gipfeln, schnee- und eisfrei Ende Anfang Juli. Einen Namen trägt kaum einer.

Ein winziger Graben am Westende des Summit Lake, dem größten dieser Seen, bildet den Beginn des Yukon-Wassersystems. Dort ging die Reise meiner Boten - und des anderen Augensteins -  am 12. Juli weiter. Doch tags zuvor holten sie mich ans Licht und paddelten mit mir von ihrem Lager zum Südufer des Sees. Sie erklommen die mittlere von drei felsigen Rippen.

Über Geröll und Flechtenteppiche, auf die wahrscheinlich noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte, ging es etwa fünfzehn Meter hinauf zum Fuß einer kleinen Erle, die sich im unteren Teil der Felsrippe festkrallt. Auf einem Felsvorsprung vor der Erle wurde ich abgelegt. Was eine atemberaubende Wildnis! Mein Blick schweift über den Summit Lake.

Sonnenaufgänge lassen für Minuten dämonenhafte Gesichter auf Bergen und ihren Spiegelbildern erscheinen. Zwei-, dreimal im Jahr landet vor mir unten auf dem See ein Wasserflugzeug und bringt Paddler, die den anstrengenden Aufstieg über den Rat River umgehen.

Die einzigen Menschen, die ich hier sehe.  Jetzt, am 31. Januar 2009, dominiert Weiß meine Welt : Ob heruntergerollt oder nicht, ich liege sicher unter einer schützenden Schneeschicht und warte auf den nächsten Sommer. Und auf Flechten, die mich in den nächsten Jahren überziehen werden.





Siglinde Fischer und Walter Steinberg, Möttau
2008