Estland


Tallinn








Tallinn oder der Stein des Anstosses

An einem symbolträchtigen Tag, dem 9. Mai 2007 war meine Ankunft in der estonischen Hauptstadt Tallinn.
Dieser Tag wird in Russland offiziell gefeiert als Beendigung des 2. Weltkriegs und der Befreiung von Hitler und dem Faschismus. Diese Feierlichkeit wird in Russland mit Blumen und Paraden begangen. Die Russen besuchen Denkmäler und öffentliche Plätze und legen dort auch Blumen nieder.
So wurde 1947 auch in Tallinn als Denkmal für die gefallenen Soldaten ein Bronzesoldat im verkehrsreichen  Zentrum der Stadt errichtet. Jahr für Jahr wurde dieser Platz besonders von der russischen Minderheit in Estland (von den 1,4 Mio Einwohnern Estlands sind 500.000 Russen) besucht, die dort Blumen ablegten, um an die fatalen Folgen des Krieges zu erinnern.

Neuerdings weht aber durch die ehemaligen Staaten des Sowjetblocks ein rauer Wind.
Seit dem Beitritt der baltischen Staaten und Polen in die EU gibt es eine Anti-Sowjet-Haltung, die vor allem in der medialen Ausschlachtung und im sinnlosen politischen Konfrontationskurs mit der jetzigen russischen Regierung ihren Widerhall findet. Das estnische Parlament (Durchschnittsalter der Parlamentarier ist unter 35 Jahren) beschloß, dass der Bronzesoldat, von den Russen liebevoll Aljoscha genannt, als ein Symbol der sowjetischen Besatzung an einen anderen Ort und zwar auf den Friedhof der Kriegsgefallenen Filtri Tee versetzt werden sollte. Diese Umsetzung geschah kurz vor meiner Ankunft am 9. Mai.
Dieses Vorgehen führte dazu, dass einige russische Demonstranten randalierten, um ihre Wut zum Ausdruck zu bringen.

Am 9. Mai glich die Stadt, obwohl ein ganz normaler Arbeitstag war, einer Geisterstadt. Alle Estonen hatten sich in ihren Häusern verschanzt, verschüchtert durch die von den Medien geschürte Angst vor den möglichen Krawallen der Russen.  Die Altstadt war leergefegt.

Jedoch am Platz des ursprünglichen Denkmals bis hin zum neuen Aufstellungsort, dem Friedhof der Kriegsgefallenen, wimmelte es von Polizisten und sensationslüsternen Presseleuten, die nur darauf warteten, dass etwas Spektakuläres passiert.
Dessen ungeachtet marschierten und spazierten russische Familien, mit Blumen in den Händen, die Strecke vom alten zum neuen Standort des Denkmals entlang.  Die Stimmung war friedlich und ähnelte einem Volksfest.  Ich legte den Stein dann direkt hinter „Aljoscha“ ab, inmitten des Blumenmeeres.


Man kann die Situation nicht besser beschreiben als die Dame an der Rezeption meines Hotels, die, als ich mich nach dem Ort des Denkmal erkundigte, antwortete: „Wir haben seit Jahrzehnten mit den Russen hier friedlich gelebt und die jungen Politiker, die populistisch und ohne jede Kriegserfahrung eine solche Entscheidung durchgesetzt haben, waren sich weder ihres Handelns bewusst noch über die Konsequenzen im Klaren. Dies diente nur dazu, sich von der langjährigen Beziehung zu Russland zu distanzieren.“

Unsere estnische Stadtführerin hat das noch spitzer formuliert: „Während der gesamten Sowjetzeit wurde das Symbol und Kennzeichen Tallinns - ein christlicher Engel mit einem Kreuz in der Hand, nie angerührt. Warum kann man diese Symbole nicht respektieren und sie in ihrem geschichtlichen Kontext sehen?“

Die estnische Regierung, die seit Jahren eine Politik der Einschränkung der Rechte der russischen Minderheit verfolgt, hat mit diesem sinnlosen Akt eine weitere Schneise in die Kluft zwischen die seit Jahrzehnten friedlich koexistierende Bevölkerungsteile geschlagen.





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Zafer Toker, Frankfurt/Main
2007