Deutschland


Neu-Isenburg


DER WEG DER STEINE
zur Installation von Volker Steinbacher und Gerald Wingertszahn


Steine, Steine, Steine, wohin das Auge blickt.
AugenBlick mal.
Die Steine schauen zurück!
Augen auf Steinen, wohin der Blick auch fällt.


Vielleicht war der Stein einmal Bestandteil einer Trutzburg, wurde von einfachen Bauern in Fronarbeit herbeigeschleppt und zu einer Mauer verbaut, erlebte, wie die Burg erstürmt und die Mauer geschliffen wurde. Der Stein in meiner Hand macht mich nachdenklich. Er wird noch sein, wenn ich nicht mehr bin. Was wird er nach mir sehen?

Die Idee, überall auf der Erde „AugenSteine“ abzulegen und die Steine für einen kurzen Moment einer bewussten Betrachtungsweise auszusetzen, ist der faszinierende Ausgangspunkt eines Kunstprojektes des Frankfurter Künstlers Volker Steinbacher und des Webdesigners Gerald Wingertszahn.

Die Beiden lassen auf dem ganzen Erdball Steine ablegen. Damit die Steine „sehen”, wurde ihnen ein Auge aufgemalt. Die Überbringer, Reisende aller Art, wählen einen Ort aus und legen den Stein ab. Jeder Stein, seine Position und Umgebung, wird dokumentiert. Der Stein bleibt, sein Auge aus Tusche wird beim nächsten Regen verschwinden.

Von Nischnij Nowgorod nach Tahiti, von Kap Hoorn nach Seyðisfjörður auf Island – in jedem zweiten Staat dieser Erde wurden mittlerweile AugenSteine abgelegt. Was sie sehen, davon erzählt die Installation Volker Steinbachers im Alten Ort. Rund 130 Dokumentationen der Reisenden über den Blick ihrer AugenSteine werden in den Gassen Neu-Isenburgs ausgehängt.

Der Alte Ort Neu-Isenburgs, eine ehemalige hugenottische Siedlung, wurde als Ausstellungsort für den „WEG DER STEINE“ gewählt, weil der Grundriss der Ursprungssiedlung einer Windrose gleicht und in alle Himmelsrichtungen zeigt. Das Steinauge geht förmlich von diesem zentralen Ort in alle Regionen der Erde.

Die Steine, die zur Aktion verwendet werden, stammen aus dem französischen Cevennendorf Mirabel. Auch hier lässt sich eine Verbindung zum Isenburger Urgestein, den Hugenotten, ziehen. Tatsächlich gab es hier eine Burg, die im Zuge der Religionskriege zerstört wurde. Ob AugenSteine aus den Trümmerresten geworden sind? Wer weiß. Vergangenheit und Gegenwart heben sich im WEG DER STEINE ebenso auf, wie räumliche Begrenzungen.

Zu Zeiten der Stadtgründung erhielten die Gassen der Hugenottensiedlung französische Namen. Sie bezeichneten die Richtungen, in die die Straßen zeigten. So gab es eine Rue de Offenbach, eine Rue de Sprendlingen, eine Rue de Francfort und eine Rue de Four. Die kleinen Gässchen hießen einheitlich La Ruelle. Volker Steinbacher greift diese Idee in seiner Installation auf und gibt den Straßen wieder französische Namen. Dieser Namen bezeichnet nun den Ort, in dem ein AugenStein abgelegt wurde und der am entferntesten in der jeweiligen Himmelsrichtung liegt. Die Bewohner der Pfarrgasse wohnen nun in der Rue du Khabarovsk, das Brionsgäßchen wird zur Rue de Pyong-Yang, die Hirtengasse zur Rue d’Auckland, das Nollgässchen zur Rue du Cap, die Kronengasse zur Rue du Cap Horn, das Luftgäßchen zur Rue d’Hawaii und die Löwengasse zur Rue de Seyðisfjörður.

Wer will, kann also im Sommer von Neu-Isenburg aus einen Spaziergang in die Welt machen. In jeder Gasse wird ein Blick in die Welt geboten. Der Blick geht vom Bascamp am Fuß des Mount Everest nach Teheran, vom Cap Hoorn nach Sarajewo, wo noch vor kurzem die Scharfschützen lagen.

360° Panorama - Neu-Isenburg /Marktplatz "Alter Ort"

(Ausgangsblickrichtung ist Norden - "Rue de Spitzberg" bzw. Kirchgäßchen)
Fotos: Gerald Wingertszahn

Hilfe

Der steinerne Blick ist nicht immer freundlich.

Die Welt, wie sie sich jetzt darstellt, wird vom Tuscheauge aufgenommen und weiter vermittelt. Schon morgen wird alles ganz anders sein. Das Tuscheauge wäscht sich im Regen ab, der Stein bleibt, ewiglich, irgendwo.

Die AugenSteine sind Botschafter.

Sie übermitteln einen Blick in die Welt. Sie tragen, in dem sie hinausgeschickt werden in die Welt, eine Botschaft mit sich. Nachdem der Regen das Auge abgewaschen hat, ist die Botschaft nicht mehr eindeutig entzifferbar. Der Stein wird einer unter vielen sein.

Der Stein erlangt Anonymität.

Das eigentliche Kunstwerk findet auf der ideellen Ebene statt. DER WEG DER STEINE wählt in seiner Ausdrucksform zwar einen materiellen Träger, ist aber Idee und Vorstellung, die in der Umsetzung durch Computer und Internet festgeschrieben wird. Die Dokumentationen der AugenSteine erfolgt in Bildern und Texten, die im Internet unter www.wegdersteine.de abgerufen werden können.

Bettina Stuckard im Frühjahr 2005


Bettina Stuckard, Neu-Isenburg
2005


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Siehe auch: Installation in Neu-Isenburg vom 4.6. bis 10.7. 2005  |  Poster und Katalog