Belgien


Brüssel




Auch wenn es auf dem Bild vielleicht so aussieht – aber mein Stein liegt nicht einfach an einer Raststätte an der A 3, sondern in Brüssel.

Er blickt – solange der Rasen kurz genug ist - immerhin direkt auf die Nato – oder auch N.A.T.O., wie es als Endziel auf dem Bus stand, der einen über 17 Stationen von der Brüsseler Innenstadt hier her bringt.

Weg der Steine - Brüssel

Unterwegs – so nach der 11ten Haltestelle, ungefähr dort, wo die Stadt langsam in Industriezonen zerfledert, fragt man sich: Ist sie das schon, die legendäre Abschreckungspolitik? Jedenfalls funktioniert sie. Der Bus ist leer.

Vielleicht aber auch, weil schon im Reiseführer steht, dass man gar nicht erst zu kommen braucht, weil man ohnehin nicht auf das Gelände darf.

Eigentlich logisch, dass die Niederlassung der „Strategic community”, also der „großen transatlantischen Familie”, wie sich das Bündnis in der üblichen Selbstverharmlosung gern nennt, als würde es sich um eine Art Schüleraustausch handeln, an den Stadtrand zieht: Mehr Platz – weniger Besuch. Und falls doch jemand kommt, dann zeigt man ihm, was man nebenan sieht: Nichts, jedenfalls nicht mehr als jeder x-beliebige Aldi-Parkplatz zu bieten hat und das auch noch über eine sechsspurige Straße hinweg.

Direkt davor darf man nämlich leider nicht fotografieren, sonst… Was sonst passiert? Keine Ahnung.

Aber ehrlich gesagt, nach den Reaktionen der beiden Security-Schränke am Eingang auf meine Frage, ob nicht meine Mutter, die ich zufällig dabei hatte, vor diesem historisch und weltpolitisch so bedeutenden Motiv fotografiert werden dürfe, wollte ich es so genau gar nicht wissen.

Weg der Steine - Brüssel Die schauten mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, verwiesen mich auf die andere Straßenseite und wirkten dabei so professionell zu allem entschlossen, als hätten sie gerade ein Wochenendseminar „Lautloses Töten” absolviert.

Ein Eindruck, der sich vermutlich auch all den Sicherheitsschleusen und Minibarrikaden verdankt, von denen die Einfahrt großräumig flankiert wird. Einer der wenigen Hinweise darauf, wo man sich eigentlich befindet.

Offenbar soll alles total alltäglich wirken. Wer würde hinter soviel belangloser Normalität schon so große und böse Dinge wie die Durchsetzung geostrategischer Interessen mit militärischen Mitteln, mit Mord und Totschlag vermuten? Aber gerade wegen seiner perfekt inszenierten Banalität hinterlässt das Ganze eine ziemliche Beunruhigung.

Man fühlt sich so wohl wie in Gesellschaft eines potentiellen Amokläufers. „Alles ist gut. Alles ist wie immer!” sagt das Bild. Aber es sagt auch, dass wir gerade deswegen mit dem Schlimmsten rechnen sollten.

Ich habe dann die Sicherheitsleute doch noch gefragt, ob man eine Besichtigung machen könnte, einfach, weil wir noch fünf Minuten Zeit hatten, bevor der Bus zurückfuhr und außerdem Deutschland schließlich nach den USA das größte Kontingent an Soldaten stellt, die weltweit im Einsatz sind. Da hätte ich mir doch etwas Entgegenkommen verdient.
Was haben die sich amüsiert!

Constanze Kleis, Frankfurt/Main
2003