Äthiopien


Jinka



Äthiopien ist vermutlich das einzige Land auf der Welt, in dem Kaffee nicht Kaffee heißt (oder coffee, café, kopi etc.), sondern bunna. Der Name für „Kaffee“ geht auf die äthiopische Provinz Kaffa zurück, wo seit Jahrhunderten Kaffee angebaut wird. Von dort gelangte der Kaffee in die Hafenstadt Mocca am Roten Meer, von wo er seinen Siegeszug um die Welt antrat. Auch wenn Äthiopien als Heimatland des Kaffees gilt, hat sich dieses Getränke dort erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchsetzen können. Die christlichen Kirchen lehnten den Kaffee lange Zeit als islamisches Getränk ab. Das hat sich heute – Gott sei Dank! – grundlegend gewandelt. Der Kaffee wird von allen Äthiopiern als eine Art Nationalgetränk angesehen und im Rahmen einer aufwendigen Kaffee-Zeremonie zubereitet.

Das Foto mit dem Augenstein entstand im November 2008 im South Omo Research Center, das in Jinka, ganz im Süden Äthiopiens gelegen, von Mainzer Ethnologen errichtet wurde. Jeden Nachmittag treffen sich die Mitarbeiter dieses Forschungs- und Dokumentationszentrums zu einer Kaffeezeremonie, um sich bei einem Tässchen auszutauschen. An diesem Nachmittag hat Alemitu die Zubereitung des Kaffees übernommen. Sie hat den Boden mit frischen Blättern und Blüten geschmückt und gerösteten Dinkel (kollo) vorbereitet, den sie zum Kaffee reichen wird; die noch grünen Kaffeebohnen hat sie gewaschen, über offenem Feuer geröstet, in einem Mörser zerstoßen und anschließend in einer aus schwarzem Steingut gefertigten Kaffeekanne (jabana) aufgekocht. Wenn sie diesen Mokka mit Zucker serviert, verleiht der Duft von Weihrauch dem gemeinsamen Kaffeegenuss eine ganz besondere Aura.

Die äthiopische Kaffeezeremonie ist ein Antagonismus in den Zeiten von elektrischer Kaffeemaschine, Instant-Pulver und Filter-Frio-Verfahren. Sie ist außerordentlich zeitaufwendig, eine Entschleunigung der modernen Zeit. Das Resultat kann sich sehen lassen: der vermutlich beste Kaffee der Welt. Doch möglicherweise schmeckt uns der Kaffee von Alemitu vor allem deshalb so gut, weil wir uns Zeit nehmen, ihn aufmerksam zu genießen.


Volker Gottowik, Frankfurt/Main
2008