Von der Magie des Augen-Blicks:

Das Augenstein-Projekt aus der
Perspektive der Jäger und Sammler


von Andreas Ackermann


Vortrag im Rahmen der Ausstellung DER WEG DER STEINE im Kunst Archiv Darmstadt.








Welch eine wundersame Bewandtnis hat es, eindringlich betrachtet, mit dem menschlichen Auge, diesem Juwel aller organischen Bildung, wenn es sich einstellt, um seinen feuchten Glanz auf einer anderen menschlichen Erscheinung zu versammeln; - mit diesem kostbaren Gallert, der aus ebenso gemeiner Materie besteht wie alle Schöpfung und auf ähnliche Art wie die Edelsteine anschaulich macht, daß an den Stoffen nichts, an ihrer geistreichen und glücklichen Verbindung aber alles gelegen ist; - mit diesem in eine Knochenhöhle gebetteten Schleim, welcher, entseelt, dereinst im Grabe zu modern, in wässerigen Kot wieder zu zerfließen, bestimmt ist, aber, solange der Funke des Lebens darin wacht, über alle Klüfte der Fremdheit hinweg, die zwischen Mensch und Mensch gelagert sein können, so schöne, ätherische Brücken zu schlagen versteht!
(Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 2006, 89)

In der Formulierung des Titels verbergen sich mindestens zwei Bedeutungsebenen, die einerseits unmittelbar mit der Ausstellung verknüpft sind und andererseits das hier gezeigte Projekt in einen größeren Bedeutungszusammenhang stellen können.
Am besten, wir fangen von hinten an, nämlich mit dem größeren Zusammenhang. Dafür ist im vorliegenden Text die Ethnologie zuständig, jene akademische Disziplin, die sich mit den Menschen als kultur-produzierenden Wesen beschäftigt, wobei sie ihre Einsichten vor allem über den Vergleich unterschiedlicher Kulturen bzw. kultureller Praxen gewinnt.



Teil I. Ethnologie

Spricht man von der Magie des Augen-Blicks bzw. einer Perspektive der Jäger und Sammler in ethnologischer Hinsicht, so geht es dabei vor allem um eine Theorie des Sehens.
Der Begriff der „Jäger und Sammler“ umschreibt Menschengruppen, deren Lebensgrundlage überwiegend im Jagen und Sammeln besteht, die von daher äußerst mobil sein müssen. Diese Form des Wirtschaftens ist die älteste uns bekannte: seit ca. 5 Mio. Jahren leben die Menschen von der Jagd auf Tiere und dem Sammeln wildwachsender Pflanzen. Die Domestikation von Tieren und Pflanzen dagegen hat gerade mal vor 9.000-10.000 Jahren begonnen. Die Jäger und Sammler waren somit die ersten Menschen, die sich mit ihrer natürlichen und sozialen Umwelt auseinandersetzen mußten und dazu die Hilfe der Magie in Anspruch nahmen.

Als „magische Handlungen“ werden innerhalb der Ethnologie solche Techniken bezeichnet, die Wunsch und Wirklichkeit in Übereinstimmung bringen, getragen von dem Glauben, Macht über Dinge und Lebewesen jenseits der Verstandeskategorien zu besitzen.

Dabei ist die Unterscheidung, die wir gewöhnlich treffen, nämlich zwischen ‚Natürlichem’ und ‚Übernatürlichem’, außer Kraft gesetzt. Innerhalb der magischen Vorstellungswelt wirken übernatürliche Wesen, deren Handlungsweisen denen der Menschen gleichen, und die man daher durch Bitten oder Drohen zu seinen Gunsten beeinflussen kann. Zwei grundsätzliche Funktionsweisen der Magie lassen sich unterscheiden:

Die erste wird „sympathetische Magie“ genannt und beruht auf dem Gesetz der Ähnlichkeit, d.h. man geht davon aus, daß ähnliche Dinge ähnliche Qualitäten besitzen und sich gegenseitig beeinflussen können. Daher wird beim Regenzauber häufig Wasser versprüht und die Azande im Sudan behandeln Epilepsie durch Verzehr der Asche des Schädels des roten Buschaffen und durch das Hinlegen des Betroffenen in die Nähe eines Feuers. Die Bewegungen eines Epileptikers ähneln nämlich denen dieses Affen, der überdies in eine allmorgendliche Starre verfällt, bis ihn die ersten Sonnenstrahlen wieder beleben.

Die zweite Form der Magie wird „Kontaktmagie“ genannt und folgt dem Gesetz der direkten Übertragung, d. h. der der Überzeugung, daß Objekte, die einmal in Kontakt miteinander waren, auch nach ihrer Trennung eine Verbindung aufrechterhalten und sich über die Distanz hinweg beeinflussen. Ein klassisches Beispiel für diese Art von Magie findet sich im Kult des Voodoo, wo der Besitz abgeschnittener Körperteile eines Menschen (etwa Fingernägel oder Haare) die Kontrolle über den Betreffenden verleiht. Aber auch die Reliquien etwa der katholischen Kirche beziehen ihre Anziehungskraft aus dieser Vorstellung.
Um jenseits der sinnlichen Erfahrbarkeit wirken zu können, bedarf es einer außergewöhnlichen Kraft, die allgegenwärtig, unsichtbar und unpersönlich ist, und sowohl gute als böse Folgen zeitigen kann. Die Vorstellung einer solchen Kraft ist universal verbreitet: sie wird mana in Melanesien genannt, orenda bei den Irokesen Nordamerikas, naual in Mexiko und ntela bei den Makonde in Ostafrika.



- Der Böse Blick

Die Vorstellung einer solchen Kraft liegt auch vielen Theorien des Sehens zugrunde, womit wir beim „Augen-Blick“ angelangt wären, genauer gesagt, dem Akt des Sehens sowie den damit verbundenen magischen Vorstellungen.

Der Glanz des Auges hat dazu geführt, daß man ihn im eine Art Feuer, eine eigene Kraft vermutete. Die alten Griechen beispielsweise betrachteten das Sehen nicht als einen rein aufnehmenden Prozeß, sondern sahen darin etwas höchst Aktives, nämlich eine nach außen hin ausstrahlende Lichtwirkung des Auges. Sie vermuteten, daß das Sehen eine Tätigkeit des Nervengeistes sei, der sich durch die vom Auge ausgehenden Strahlen nach außen hin verbreitet, von den mit verschiedensten Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, um sich dann wieder zusammenzuziehen. Auch die arabische und indische Sehtheorie nehmen an, daß der Sehstrahl vom Auge ausgehe und dadurch die Wahrnehmung vermittle, daß er den Gegenstand trifft und ihn gewissermaßen ‚beleuchtet’.

Die Sehkraft ist dabei durchaus unterschiedlich verteilt: Menschen mit auffälligen Augen, Augenkranken, Schielenden und auch Einäugigen wird seit je eine besondere Sehschärfe zugeschrieben. Unter Umständen läßt sich diese aber auch durch künstliche Mittel steigern, beispielsweise die Verwendung von Amuletten und Talismanen. Die gesteigerte Sehkraft kann unterschiedliche Formen annehmen: einige Menschen können etwa Unsichtbare und Geister sehen, andere wiederum verfügen über das sogenannte „zweite Gesicht“, d.h. sie können räumlich oder zeitlich weit Entferntes wahrnehmen. Solche Fähigkeiten werden durchaus unterschiedlich beurteilt, sie können sowohl positiv als auch negativ wirken. Weitaus mehr Aufmerksamkeit als den Konsequenzen des Scharfblicks für den Sehenden jedoch wird der Außenwirkung der Sehkraft zuteil, wenn sie auf Menschen, Tiere oder Objekte trifft.

Der Blick stellt solange kein Problem dar, als es sich um wohlmeinende bzw. gesunde Menschen handelt, die sich im Blickfeld befinden. Anders freilich ist es, wenn Kranke darunter sind oder solche, die feindselige Gefühle hegen – deren schädliche „Ausstrahlung“ vermag nämlich auch alle Umstehenden gleichsam zu „vergiften“. Thomas von Aquin (1225-1274) schreibt beispielsweise in seiner Summa theologica, solche Menschen hätten „sengende Augen, die durch ihren bloßen Anblick andere vergiften“ und fährt fort: „Wenn also eine Seele sich heftig zur Bosheit hinreißen läßt, wie es vor allem bei alten Frauen vorkommt, so wird dadurch der Blick auf die eben besagte Weise giftig und schädlich“ (zitiert nach Müller 1987, 223).

Solche Blicke werden „böse“, vor ihnen muß man sich schützen. Über den sogenannten „Bösen Blick“ verfügen vor allem Menschen, die entweder körperlich, seelisch oder in sozialer Hinsicht in irgendeiner Weise versehrt oder auch vom Unglück verfolgt sind. Sie tragen Gefühle von Bitterkeit und Haß im Herzen, die dann eben auch in ihre Augen drängen und ihren Blick gleichsam „vergiften“. Da er häufig als Ausdruck von Neid angesehen wird, befällt der „Böse Blick“ vermeintlich zumeist das besonders Schöne und Gute.
Der „Böse Blick“ wirkt in vielfältiger Weise auf seine Umwelt: er kann Speisen ungenießbar und Menschen unfruchtbar werden lassen, kann blind oder krank machen, andere in den Wahnsinn stürzen, ja töten, Ernten vernichten, Bäume zum Absterben bringen, das Vieh von einer Seuche dahinraffen und mächtige Steinsäulen zerbersten lassen.

Unter den Besitzern des „Bösen Blicks“ gibt es sowohl Menschen, die ihn unwillentlich, als auch solche, die ihn gezielt einsetzen. Gefährlich sind jedoch beide.
Im Iran wird der Böse Blick noch einmal weiter differenziert, man spricht vom „salzigen Auge“, vom „versehrenden Auge“ und schließlich vom „schmalen Auge“. Menschen, die über ein „salziges Auge“ verfügen, bewirken mit ihrem Lob ungewollt Unheil. So können Mütter mit „salzigen Augen“, die ihre Kinder unentwegt preisen und bewundern, ihre Kinder krank machen, verletzen, ja sogar töten. Im Unterschied zu den Menschen mit „salzigen Augen“ die quasi unwissentlich ihren Mitmenschen schaden, handeln Personen mit „versehrenden Augen“ durchaus absichtlich, aus Mißgunst oder Neid. Dies gilt auch für jene mit dem „schmalen Auge“.

Mit dem „Bösen Blick“ kann man geboren werden, man kann ihn aber auch erwerben, und zwar sowohl unbeabsichtigt als auch vorsätzlich. Ein Problem besteht darin, daß man nicht allen Menschen den Besitz dieser schädlichen Eigenschaft ansehen kann. Es gibt jedoch einige Merkmale, die allgemein als Anzeichen für den „Bösen Blick“ gelten: z.B. eine auffällige Augenpartie, die „Zeichnung“ durch Augenkrankheiten, physiologische Besonderheiten, eine auffällige – zumeist blaue – Augenfarbe oder besonders buschige sowie zusammengewachsene Augenbrauen. Häufig wird der „Böse Blick“ innerhalb der Familie weitergegeben, er wird aber auch bestimmten sozialen Gruppen, zumeist am Rande der Gesellschaft, generell zugeschrieben, etwa alten Frauen, Witwen oder Bettlern.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß man sich mit dem eigenen Blick auch selbst treffen kann, etwa wenn man in einen Brunnen oder Spiegel blickt und sich selbst oder seinen Schatten sieht. Das Spiegelbild, aber auch Doppelgänger und Schatten gelten im Volksglauben als ätherische feine, geisterartige Körper, die wiederum den „Bösen Blick“ besitzen. Solche Wesen gewinnen vor allem dann die Macht über einen, wenn man sich umsieht. Dies ist auch der Grund für die zahlreichen Verbote des Sich-nicht-umschauens bei einer großen Anzahl magischer Handlungen.

Wie wir sehen, stellt der Augenkontakt eine Kommunikationsform dar, die alles andere als harmlos ist und es verwundert daher nicht, wenn überall auf der Welt Blicke ganz bestimmten Regeln bzw. Tabus unterliegen. Niedrigstehende dürfen z.B. nur selten einen Höherstehenden direkt anschauen. Kinder sollen keinen Fremden und vor allem nicht Menschen, die in Verdacht stehen, den „Bösen Blick“ zu besitzen, ansehen. Schwangere sind gehalten, den Anblick von allem, was häßlich ist, mit dem Tode zu tun hat oder sonst in irgend einer Weise versehrt erscheint, zu meiden.

Umgekehrt müssen diejenigen, die die Fähigkeit besitzen, anderen mit ihrem Blick zu schaden, diesen freiwillig oder gezwungenermaßen „entschärfen“: Ihnen werden die Augen verbunden oder ihr Kopf mit einem Schleier oder Sack bedeckt. Die Sitte, das Gesicht des Toten zu bedecken, ist auf der ganzen Welt verbreitet und Verbrechern werden vor ihrer Hinrichtung häufig die Augen verbunden.

Die einfachste Möglichkeit, sich vor dem „Bösen Blick“ zu schützen, besteht darin, daß man den Kopf wegdreht oder dem böser Absichten Verdächtigten den Rücken zeigt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, das Gesicht – oder dessen besonders gefährdete Partien wie den Mund – mit der Hand zu bedecken, wie es diese Frau aus dem heutigen Zaire angesichts des Fotografen (Paul Schebesta) tut, der diese Aufnahme in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts machte (In: Theye 1989, 48).

Vergegenwärtigt man sich die magische Theorie des Sehens als einer Aussendung von krafthaltigen Strahlen, so verwundert es nicht, wenn gerade der Akt des Photographierens als äußerst bedrohlich empfunden wird. Dabei geht es nicht nur darum, daß dem photographischen Apparat die Aussendung verderblicher Strahlen zugerechnet wird, die den Photographierten krank werden lassen. Viel schlimmer noch ist der Umstand, daß die Kamera bereits viele Menschen, darunter auch „böse“ oder „zauberkräftige“ mitsamt ihrer „verderblichen“ Ausstrahlung abgelichtet hat. Diese wiederum wird beim Vorgang des Photographierens auf die Abgebildeten gerichtet und kann zu Krankheit oder Tod führen. So kommt es, daß die Fotografierten versuchen, das Objekt des fotografischen Interesses zu verhüllen oder aber selbst den Blickkontakt mit dem Fotografen und dem „Auge“ der Kamera tunlichst zu meiden.

Das folgende Bild wurde ca. 1900 von Kurt Boeck im indischen Rajasthan aufgenommen. Es zeigt ein „Jugendliches Radschputen-Ehepaar im Hochzeitsschmucke mit den nächsten Verwandten“. Diese Hochzeitsgesellschaft hat sich anscheinend eher widerwillig ablichten lassen. Der Photograph schreibt dazu:

„Fast könnte es sogar scheinen, als ob die Brautmutter, die neben ihrer, man möchte sagen hermetisch verschleierten Tochter kauert, die Faust drohend ballt, um ihrer Besorgnis vor dem bösen Blick des aus dem Apparat hervorlugenden blanken Objektivauges Ausdruck zu geben.“ (In: Theye 1989, 48-49)

Diese Besorgnis erscheint indes um so verständlicher, als ja gerade auch der Hochzeitsschleier gewöhnlich dazu dient, die Braut während eines der zentralen Statuswechsel in ihrem Leben vor dem „Bösen Blick“ zu schützen.

Das die Angst vor dem „Bösen Blick“ keineswegs „exotisch“ ist, verdeutlicht diese Photographie aus dem Jahre 1840. Es handelt sich um ein Porträt des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen. Bei genaueren Hinsehen entdeckt man nicht nur den skeptischen Gesichtsausdruck des Abgebildeten, sondern auch eine merkwürdige Geste der linken Hand.

Dabei handelt es sich um die sogenannte mano cornuta oder „Hörnchenhand“, bei der der kleine und der Zeigefinger ausgestreckt sind, während der Daumen und die anderen Finger angelegt werden.


Diese Geste bezieht ihre symbolische Bedeutung offenbar aus der Ähnlichkeit der Fingerstellung mit einem Halbmond – dem alten Fruchtbarkeitsamulett, das auch gegen den „Bösen Blick“ helfen soll. Zum anderen stellen die beiden gestreckten Finger „Hörner“ dar, die das Zauberauge durchbohren.
Die „Hörnchenhand“ ist auch als Amulett weit verbreitet:


Das gerade Fruchtbarkeitsamulette gegen den „Bösen Blick“ eingesetzt werden, hängt damit zusammen, daß dessen Schadenswirkung vor allem im Austrocknen, Dörren, Verzehren, eben im Unfruchtbarmachen gesehen wird.
Dementsprechend wird auch die Feige, also die symbolische Darstellung des Geschlechtsaktes, gegen den Bösen Blick eingesetzt.



Hier ein Holzarm aus Brasilien, der die Feigengeste zeigt.

Sehr beliebt sind auch Korallenamulette, besonders das sogenannte „Korallenhörnchen“. Nach der griechischen Sage entstand die Koralle nämlich aus dem Blut des abgeschlagenen Hauptes der Medusa, die für ihren „Bösen Blick“ gefürchtet war. Ein „Korallenhörnchen“ trug der französische Dichter und Kunstkritiker Theophile Gautier stets am Halse, um sich vor dem „Bösen Blick“ Jacques Offenbachs zu schützen.

Neben den Abwehrgesten der Hand spielt – entsprechend dem magischen Gesetz der Ähnlichkeit – auch das Auge selbst eine große Rolle bei der Abwehr des „Bösen Blicks“, und zwar sowohl in Form von Gegenständen oder Abbildungen des Auges als auch in Form von augenähnlichen Objekten, Ornamenten oder Symbolen.


So war es in Deutschland durchaus üblich, im Zimmer einen Halbkreis mit einem kleineren Kreis darin anzubringen, der das allsehende „Auge Gottes“ vorstellen sollte.

Als „Auge Gottes“ werden auch die Augen an Kirchen, Kirchenstühlen und Totenbrettern erklärt. Um sich in Dänemark gegen den bösen Blick zu schützen, war es eine verbreitete Sitte, die Zeichnung eines Auges auf das zu kratzen, was geschützt werden sollte; und in alten Bauernhäusern trifft man noch ab und zu hinter Glas und Rahmen einen „göttlichen Haussegen“ oder einen Bibelspruch, über welchem ein Auge angebracht ist.

Im gesamten Mittelmeerraum verbreitet sind Amulette, die zumeist aus farbigem Glas bestehen und entweder als „Auge der Fatima“ bezeichnet werden (womit der Bezug zur Tochter des Propheten Muhammad hergestellt wird), als „Nazar“ (was im arabischen „Blick“ bedeutet), oder einfach als „blaues Auge“.


Typisch für ein solches Amulett sind die in verschiedenen Blau- (manchmal auch Grün-) Tönen gehaltenen konzentrischen Kreise, die – zusammen mit dem Weiß – der Regenbogenhaut des Auges ähneln.
In kleiner Ausführung werden solche Augen an der Kleidung von Kindern befestigt, als Schmuck am Körper getragen oder gegenüber einer Tür an der Wand befestigt. Man findet sie am Rückspiegel von Taxis und Lastwagen oder als Verzierung am Schlüsselanhänger. Wird ein solches Auge beschädigt, so hat es offensichtlich seine Aufgabe erfüllt und den „Bösen Blick“ abgewendet.



Solche Augenamulette kennen wir auch von den alten Ägyptern, die auf die Kraft des sogenannten „Udjat-Auges“ vertrauten. Dabei handelt es sich um das Auge des Falkengottes Horus, dem es von seinem Onkel Seth geraubt (bzw. verletzt) wurde. Mit Hilfe von Thoth, dem weisen Mondgott, erlangte Horus sein Auge heil und gesund wieder zurück.

Daher wurde es auch „Udjat-Auge“ genannt: udjat bedeutet nämlich wörtlich übersetzt: „das, was (wieder) heil geworden ist“. Das „Udjat-Auge“ ist also das geheilte Auge des Horus und symbolisierte im Alten Ägypten Vervollständigung und Heilung. Es besaß Regenerationsfunktion und stellte gleichzeitig ein Schutzsymbol gegen den „Bösen Blick“ dar.

Von der Form her ist das „Udjat-Auge“ eine Mischung aus Menschen- und Falkenauge: Augenbraue, Augenkörper und Schminkstrich entsprechen dem menschlichen Auge, der vertikale Fortsatz und der Spiralbogen unter dem Augenkörper stammen von der Zeichnung des Falkengefieders.



- Steine

Es sind aber nicht nur die Augen bzw. deren Blicke, die mit Magie in Zusammenhang gebracht werden, auch Steine können Kraft entfalten. Nicht von ungefähr zitiert das Handbuch des Deutschen Aberglaubens die Warnung: Steine soll man nicht nach Hause tragen, denn das bedeutet Unglück. Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als überraschend, daß von den ca. 300 Augensteinen lediglich 17 im Inneren eines Gebäudes abgelegt wurden!

Von ihrer starren, leblosen Form darf man sich übrigens nicht täuschen lassen: Steine sind durchaus beweglich, sie können etwa, wie Pflanzen aus der Erde wachsen, aus der sie besondere Heilkraft saugen. Besonders krafthaltig sind daher Steine, die lange an demselben Platz in oder auf der Erde gelegen und damit ihre Kraft in sich aufgenommen haben.

Die in Indien lebenden Raj Gond gehen sogar davon aus, daß die Steine nicht nur in der Erde wachsen, sondern sich sogar vermehren – ein Eindruck, der nicht so abwegig scheint angesichts des Phänomens, daß man beständig Steine von einem Acker ablesen kann und doch immer wieder neue vorfindet (Müller 1987, 183).
Ackersteinen schrieb man Fruchtbarkeitskräfte zu, wohl auch deshalb, weil man sie in Zusammenhang mit den Ahnen sah, die man sich gewöhnlich unterhalb der heimischen Felder wohnend dachte.
So pflegten die Birhor, eine ebenfalls in Indien lebende Gruppe von Jägern und Sammlern Steine, von denen sie glaubten, daß sie gleich ihren Urahnen tief aus der Erde herausgekommen seien, bei sich zu tragen, um ihr Jagdglück zu mehren.

Manchmal können Steine die Ahnen sogar unmittelbar repräsentieren oder jedenfalls bestimmte einzelne von ihnen, die z.B. bei den Osseten im Kaukasus als Sitze der lokalen Erd- und Muttergöttinnen gelten.

Steine fanden dementsprechend auch eine magisch-rituelle Verwendung, beispielsweise um den Ertrag anderer Felder zu steigern, um Regen zu fördern, den Fischfang, die Milchproduktion, ganz generell zur Sicherung von Gesundheit, Erfolg und Glück allgemein.

Steine dienen als Orakel: Wie das bereits zitierte Handbuch des Deutschen Aberglaubens berichtet, heben manche Leute vor einem Krankenbesuch Steine auf und suchen, ob darunter etwas Lebendiges liegt, ein Käfer oder ein Wurm etwa. Ist dies der Fall, so wird der Kranke wieder gesund, andernfalls stirbt er.

Krankheiten können auf Steine übertragen werden, die dann z.B. in einen Bach geworfen oder an einen möglichst dunklen Ort gelegt werden.
Mit einem Stein kann man sich aber auch vor Unheil schützen, etwa indem man ihn auf den Weg wirft, und zwar bevor man nach dem Bemerken eines Unheilzeichens Atem geschöpft hat.

Gerne werden Steine auch als Amulette getragen: Steine mit einer ungewöhnlichen Zeichnung, wie das Belusauge (Bel oculus), verschaffen, in der Hand getragen, klare, helle Augen. Vor dem „Bösen Blick“, Hexerei, Bezauberung und jedem Unfall schützen der Augenachat, das Chrysoberyll-Katzenauge, der Malachit und der Sardonyx.
Tatsächlich als „Augenstein“ bezeichnet wird übrigens der Gnatzstein oder Quarz, der schlimme Augen verursacht, wenn man ihn längere Zeit ansieht



Teil II. Kunstprojekt

Spricht man von der „Magie des Augen-Blicks“ bzw. „Jägern und Sammlern“ in bezug auf das hier ausgestellte Kunstprojekt, so kommen zu dem eben Gesagten noch einige Facetten hinzu.

Daß Steine krafthaltig sind, dürfte all jenen schon längst klar geworden sein, die sich in irgend einer Form mit den Augensteinen Volker Steinbachers beschäftigt haben. Vor allem dann, wenn sie – zum Jäger und Sammler geworden – auf der Jagd nach einem Ablageort waren bzw. Stein-Ablagen sammeln – gibt es inzwischen doch viele Protokollanten, die mehrere Steine abgelegt haben.

Auch der Künstler hat diese Kraft gespürt. Dies wird in seinem Bericht über die mythischen Anfänge seines Projektes deutlich:

„So fiel mein Blick irgendwann auf jene Steine, die ganz Mirabel bevölkerten. Steine aus Basalt, Kalkstein und Scherben der alten Dachziegel. Alle Straßen waren voll damit, jeder Schritt davon bestimmt. Ich fing an, diese Steine mit Augen und Tieren zu bemalen. Die „Augen“ schienen unmittelbar zu überzeugen [...] Jeder wollte einen solchen Stein haben“.

Und nicht mehr weggeben, könnte man hinzufügen. In einem Protokoll heißt es beispielsweise:

„Ich war traurig, den Stein zurücklassen zu müssen“ (Albanien, Saranda Maloku, 12. Juli 2005).
Offenkundig erzeugt die Kraft der Steine Resonanz im Betrachter, auch bei solchen, die sich magischer Vorstellungen gar nicht bewußt sind.

In anderen Ländern dagegen kommt es sofort zu Assoziationen des „Bösen Blicks“. Etwa wenn turkmenische Schulmädchen, zur Ablage aufgefordert, fragen, „ob das Auge auch Glück bringt und auf keinen Fall negative Auswirkungen hat“ (Birgitte Harries, Dreieich, 2006).
Oder, wenn der Stein in der Stadt Maiduguri gute Dienste als Wächter leistet, weil, wie die Protokollantin berichtet, „im muslimischen Norden Nigerias der Respekt vor dem Auge und dem „Bösen Blick” doch noch seine Wirkung tut“ (Editha Platte, Frankfurt/Main 2004).
Um den „Bösen Blick“ geht es auch in der Geschichte der Steinablage im saudi-arabischen, nahe Mekka gelegenen Mina. Diese Geschichte ist so wunderbar, daß ich sie gerne etwas ausführlicher erzählen möchte: Der Protokollant war sich darüber im Klaren, daß es äußerst schwierig werden würde, einen Stein an den Heiligen Stätten des Islam zu plazieren. Ich zitiere aus dem Protokoll:

„Ich erfand nun ein junges Ehepaar, dem der Kinderwunsch bisher versagt geblieben war. Laut einem Hodscha in Istanbul sollte nun dieses Ehepaar mithilfe eines ‚guten Auges’ von dem bösen Blick befreit werden, der bisher dem Kinderwunsch im Wege stand. Weiterhin sollte dieser Stein nicht irgendwo abgelegt werden, sondern an einem bestimmten Ort der Pilgerroute nach Mekka, nämlich Mina (8 km von Mekka entfernt), wo man das Böse und den Teufel steinigt.


Mina (Saudi Arabien)

Dieses Ritual entstand, weil Abraham dreimal Steine nach dem Teufel geworfen hat und wird symbolisch an drei Steinsäulen von Gläubigen nachvollzogen. Der Stein von Volker machte zunächst den Weg von Frankfurt nach Istanbul, den ich bei meiner Reise mitnahm und dort meinem Neffen übergab. Er brachte den Stein nach Konya zu meiner Schwester, die dort in einer Grundschule als Lehrerin tätig ist. Sie fragte in der Klasse, ob jemand aus der Familie oder Verwandtschaft plane nach Mekka zu pilgern. Tatsächlich fand sich die Mutter einer Schülerin, deren Onkel sich bereit erklärte für diesen guten Zweck den Stein mitzunehmen. Der Stein machte also den langen Weg von Frankfurt über Istanbul und Konya nach Mekka und wurde schließlich in Mina abgeworfen“ (Zafer Toker, Frankfurt/Main, Yiġit Kurt, Istanbul, Sabahat Kurt, Konya 2003).

Ein letztes Beispiel ist der Mitbewohner eines mit einem Augenstein versehenen Hauses, der nervös und mit eingezogenem Kopf daran vorbeischleicht, weil, wie die Protokollantin festhält, „er glaubt, daß er nun ständig beobachtet wird und sich kein ‚lasterhaftes Leben’ mehr leisten kann. Seine Frau ist natürlich erfreut darüber“, wird im Protokoll vermerkt (Argentinien, San Jose de la Esquina, Katja und Miguel Epes, Darmstadt; 2003).
Auch hier ist wieder Magie im Spiele, denn der Stein ist – wir wissen es inzwischen – zwar durchaus krafthaltig, kann aber trotz allem nicht sehen. Dies gelingt ihm erst in dem Maße, in dem er zum Symbol, zur Projektionsfläche, zum Stellvertreter bzw. Zeugen wird.
Der eingangs zitierten magischen Seh-Theorie folgend, läßt Volker Steinbacher seine Augensteine Strahlen aussenden, die auf Gegenstände treffen und sie beleuchten, wodurch sie Wahrnehmung vermitteln. Genau darum geht es ihm. Er schreibt:

„Es sollen AugenSteine in die ganze Welt ausschwärmen, schauen und berichten. Sie sollen berichten von der Vielfalt der menschlichen Kultur, den großen und kleinen Dingen des Lebens, den tagtäglichen Trivialitäten, der Schönheit der Natur, aber auch von den Verbrechen und Untaten der menschlichen Historie. Als friedliche und minimalistische Weltbesetzung. Dem Reisenden kam die Rolle des Zeugen zu, er bezeugte mit seinem Namen, daß der Stein wirklich an dem von ihm genannten Ort abgelegt worden war“ (Volker Steinbacher, Frankfurt am Main, 2006).

Was aber bezeugen die Steine bzw. was projizieren die Protokollanten und Protokollantinnen in ‚ihre’ Steine, wo legen sie sie ab?

Überblickt man die über 300 Ablageorte, fallen mehrer Kategorien ins Auge, die sich – durchaus zum Zwecke höherer Erkenntnis – in eine Hierarchie bringen lassen:
Die weitaus meisten Steine – ich habe 60 gezählt – sehen Wasser:


Cliffs of Moher, Irland

sie blicken auf das Meer (36)


der Mara River, Kenia

oder liegen an Fluß (9) -


der Saimaasee, Finnland

bzw. Seeufern (6).

Häufig handelt es sich dabei um „Caspar-David-Friedrich-Steine“, wie Volker Steinbacher sie treffend genannt hat, „weil sie die Position einnehmen, die auf seinen Gemälden von meist einsamen Gestalten verkörpert werden: Zivilisationsabgewandt, sinnend, vertieft in die Weite der Landschaft oder die Unendlichkeit schauend“ (Volker Steinbacher, Frankfurt am Main, 2006).


die Para-Wasserfälle (Venezuela)

2 Steine schauen auf Wasserfälle.


Lingsar, Lombok (Indonesien)

8 befinden sich sogar unter Wasser.

41 Steine wurden an Stellen abgelegt, die ich Gedächtnisorte nennen möchte.

Dazu gehören mit 24 Ablagen an erster Stelle Orte, an denen Verbrechen im Namen einer Ideologie verübt wurden. Zu diesen „Orten des Terrors“, wie Volker Steinbacher sie nennt, gehören so unterschiedliche wie



Kuta auf Bali,


der Flughafen in Entebbe (Uganda),


die Scharfschützenhügel über Sarajewo (Bosnien und Herzegowina) und


der Rio de la Plata (Uruguay), in dem viele Gegner der Militärdiktaturen einen gewaltsamen Tod fanden.

Zentral für das kollektive Gedächtnis Deutschlands bleibt natürlich Auschwitz und allerspätestens hier wird deutlich, welche Kraft ein Augenstein zu bewegen, ja
aufzuwühlen vermag. Volker Steinbacher hat lange gezögert, einen Stein für diesen Ort herauszugeben, in der Befürchtung, die Ungeheuerlichkeit der hier begangenen Verbrechen könnten trivialisiert werden. Zumindest nach meinem Empfinden ist das Gegenteil der Fall.

Zu den Gedächtnisorten zählen aber auch Denkmäler berühmter Personen (13), seien es Dichter wie


Pablo Neruda (Isla Negra, Chile),


Politikerinnen wie Rosa Luxemburg (Berlin) oder

weltberühmte Trinker wie Wenedikt Jerofejew (Moskau).

Dann gibt es noch 3 Steine, die an Orten von Umweltkatastrophen abgelegt wurden:

Das ist die nordpakistanische Stadt Balakot, die bei einem Erdbeben am 8. Oktober 2005 fast vollständig dem Erdboden gleich gemacht wurde. Bei diesem Beben kamen fast 80.000 Menschen ums Leben, Hunderttausende wurden verletzt und ca. zwei Millionen obdachlos.

Die indonesische Stadt Banda Aceh auf Sumatra, die von dem Tsunami an Weihnachten 2004 schwer verwüstet wurde. Diese schwerste Flutkatastrophe seit Menschengedenken hat rund 280.000 Menschenleben gekostet.


Dies war einmal der Aralsee (Usbekistan), Schauplatz einer beispiellosen Umweltkatastrophe, bei der der See aufgrund der Ableitung seines Wassers zur Bewässerung von Baumwollmonokulturen ungefähr die Hälfte seines Umfangs eingebüßt hat.

Mit 31 Steinen zählen Berge – ganz gleich ob Gipfel, Hang oder Fuß – ebenfalls zu den beliebten Ablageorten. Zu den beeindruckendsten zählen sicherlich

das Basislager am Mount Everest (Nepal),

der Ayers Rock (Australien)

und der Cotopaxi (Ecuador).

In Anbetracht der besonderen Kraft der Augensteine verwundert es nicht, wenn viele von ihnen (27) an sakralen Orten abgelegt wurden.
Dazu zählen

ein Klostergarten (Melk, Österreich),

ein buddhistischer Tempel (Bangkok),

genauso wie Steinpyramiden (Karakorum, Mongolei)


und ein Runenstein (Mirnock, Österreich).

Mit 22 Ablagen folgen Bäume

– hier finden sich



ein Bodhi-Baum (Laos),

ein Olivenbaum (Rama, Israel),

genauso wie ein Baobab (Arusha, Tansania).

Weitere beliebte Ablageorte sind


Crak des Chevaliers (Syrien)

Festungen (12),


Platz der Revolution, Havanna (Kuba)

Stadtzentren (10),


Hoi An, Vietnam

Brücken (8), sowie


Chichen Itza, Mexiko

Plätze von archäologischer Bedeutung (6).

Zu den eher ungewöhnlichen Ablageorten gehören


eine Bärenhöhle (Schweden),

ein Termitenhügel (Simbabwe),

die Guinness-Fabrik in Dublin,

eine Dampfmaschine (Matopos, Mosambik),

ein Kaktus (Lima, Peru)

sowie eine Gefahrguttonne (Neuseeland). Im Reich der Sicherheitstechnik (sprich dem Flughafen) können selbst unbescholtene Augensteine zur Provokation werden. Im Protokoll dazu heißt es :
„Ich habe den Stein bis ans andere Ende der Welt getragen um Ihn an einen passenden Ort zu betten, doch der Ort, wo er jetzt liegt erscheint mir wenig passend, ist aber zumindest in Neuseeland. Bei der Ankunft in Auckland und diversem Papierkram, in dem deklariert werden mußte, was man so alles einzuführen gedenkt, wurde mein Handgepäck gescannt und der Stein gefunden. Er wurde sofort als Biohazard eingestuft und mußte von mir noch am Schalter in entsprechende Tonnen entsorgt werden. Da liegt er nun, mit ‚anderen sehr gefährlichen Gütern’, 18.000 Km von daheim. Leider war ich zu perplex um ein Foto zu schießen. Ich habe im Verlauf der 6-wöchigen Rundreise sehr viele schöne Orte besucht, wo er viel besser hingepaßt hätte, aber es sollte wohl diese Tonne sein!“ (Alexander Bauer, Frankfurt/Main 2003)

Mit „Magie des Augenblicks“ ist aber noch etwas anderes gemeint, als das, was der Stein im Zuge der Projektionen seines Protokollanten „sieht“. Wir haben es hier nämlich auch in einem weiteren Sinne mit einem Augenblick zu tun, denn die Photographien der abgelegten Steine sind Momentaufnahmen, sie halten flüchtige Augenblicke fest. Auch in diesem Zusammenhang gilt es, sich nicht von ihrer starren, schweren Form täuschen zu lassen: Steine wachsen eben nicht nur, sie sind teilweise auch ganz schnell wieder verschwunden.Dies hat zum einen mit der Situation der Ablageorte zu tun: ebenso schnell, wie ein Stein abgelegt werden kann, kann er unter Umständen auch wieder fortgenommen werden. Protokollanten beschreiben, wie sich Passanten mit Steinen ‚anfreunden’ oder berichten, daß bei ihrer Wiederkehr der Stein verschwunden ist. Einigen von ihnen scheint es interessanterweise genau darum zu gehen, sie legen den Stein z.B. gut sichtbar auf einem Parkplatz ab.


Tanger (Marokko)

Die Vergänglichkeit dieses speziellen Augenblicks hängt zum anderen aber auch mit der künstlerischen Intention Volker Steinbachers zusammen. Denn die Bemalung der Augensteine erfolgt ausschließlich mit schwarzer Tusche: So ist gewährleistet, daß das Auge nur für kurze Zeit zu sehen ist und beim nächsten Regen verschwindet. Die Steine verlieren also ihre Sehkraft und damit auch ihre Identität: wenn das Tuscheauge sich auflöst, gehen sie auf in der Masse der unscheinbaren, der ‚bloßen’ Steine.
In beiden Fällen bleiben uns Bilder und ein Text, das Protokoll einer Steinablage und der damit verbundenen Zeugenschaft.

Wo führt das alles hin? Das Ziel ist klar: in jedem Staat der Erde soll mindestens ein Stein liegen, eine klare Aufgabe für Jäger und Sammler. Was aber, wenn dieses Ziel erreicht ist? Zum jetzigen Zeitpunkt sind 140 von 198 Staaten mit einem Stein versehen, der nördlichste und südlichste Punkt der Erde sind bereits mit einem Stein ‚belegt’...

Da Jagen und Sammeln aber nicht nur eine Wirtschaft- sondern auch eine Lebensform ist, droht diese mit dem Erreichen des Zieles unterzugehen. Eine schreckliche Vorstellung!

Allerdings haben sich Menschen – wie die Ethnologie zeigen kann – immer wieder an sich ändernde Bedingungen ihrer natürlichen und sozialen Umwelt angepaßt, indem sie ihre Lebensweisen oder ihre Ziele änderten.

Dies könnte eine Chance auch für das Augenstein-Projekt sein. Seit kurzem gibt es nämlich die Ablagekategorie „Niemandsland“ und ich hoffe doch, daß dort die Ablagemöglichkeiten ins Unendliche gehen.


Andreas Ackermann,
Professor für Kulturwissenschaft,
Universität Koblenz-Landau
eMail: AAckermann@uni-koblenz.de



Überarbeitete Fassung eines Vortrags
vom November 2006



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Verwendete Literatur:
  1. Bächtold-Stäubli, Hans (Hg.), 2000: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel Auge & Stein. Berlin/New York: Walter de Gruyter. (1927) Artikel Auge & Stein.

  2. Haller, Dieter, 2005: dtv-Atlas Ethnologie, Artikel Magie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

  3. Knuf, Astrid und Joachim, 1984: Amulette und Talismane. Symbole des magischen Alltags. Köln: Dumont.

  4. Müller, Klaus E., 1987: Das magische Universum der Identität: Elementarformen sozialen Verhaltens; ein ethnologischer Grundriß. Frankfurt am Main/New York: Campus.

  5. Steinbacher, Volker und Wingertszahn, Gerald, 2006:
    Der Weg der Steine, Kunst Archiv Darmstadt

  6. Streck, Bernhard (Hg.), 1987: Wörterbuch der Ethnologie, Artikel Magie. Köln: Dumont.

  7. Theye, Thomas (Hg.), 1989: Der geraubte Schatten. Eine Weltreise im Spiegel der ethnographischen Fotografie. München und Luzern: C. J. Bucher.

Bildnachweis:
  1. Abbildung 1, 2, 3 aus
    Theye, Thomas (Hg.), 1989: Der geraubte Schatten. Eine Weltreise im Spiegel der ethnographischen Fotografie. München und Luzern: C. J. Bucher.

  2. Abbildung 4
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Tonhand.jpg

  3. Abbildung 5
    Andreas Ackermann, 2007

  4. Abbildung 6
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:ChristianEyeOfProvidence.png

  5. Abbildung 7
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Blue_eyes.JPG

  6. Alle anderen Abbildungen aus
    Steinbacher, Volker und Wingertszahn, Gerald,
    2003-2007: Der Weg der Steine, Frankfurt am Main
    www.wegdersteine.de