Die Geschichte


 





360° Panorama - Mirabel

Mirabel ist ein kleines französisches Bergdorf zwischen Aubenas und Montelimar, im Departe-ment Ardeche. An ein schroffes Basaltplateau gebaut, bildet es im weiten Umkreis den höchsten Punkt und bietet eine atemberaubende Landschaftserfahrung.
- Vor hundert Jahren florierte hier die Seidenraupenzucht, man findet noch heute am Straßenrand alte Maulbeerbäume. Durch die Erfindung der Kunstfaser verloren viele Bauern ihre Existenzgrundlage. Geblieben sind die alten, teils verfallenen Häuser aus schwarzem Stein, die Gassen, schief und ausgewaschen.
Von 1981 bis 2004 war Mirabel im späten Sommer Treffpunkt eines Künstlersymposiums ost- und westeuropäischer Künstler, genannt „Pleinair Mirabel“.



Pleinair Mirabel 1998

-1998 wurde ich zu einem Arbeitsaufenthalt eingeladen und fand meine Bleibe in einem entlegenen und zerfallenen Winkel des Dorfes, zwischen Ruinen und einer Natur, die sich die Zivilisation zurückzuholen begann.
So fiel mein Blick irgendwann auf jene Steine, die ganz Mirabel bevölkerten. Steine aus Basalt, Kalkstein und Scherben der alten Dachziegel. Alle Straßen waren voll damit, jeder Schritt davon bestimmt.
Ich fing an, diese Steine mit Augen und Tieren zu bemalen.
Die „Augen“ schienen unmittelbar zu überzeugen, und es malten mit: Frank Schylla, Maler aus Darmstadt, und vier sächsische Künstler aus dem Umfeld von Dresden und Chemnitz: Günter Hofmann, Volker Beyer, Hans Wutzler und Steffen Morgenstern.



Trompe l´Œil

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-Wir füllten die Ruinen und Steinhalden mit Augen und Tieren...und präsentierten dies zur Ausstellungseröffnung in Mirabel als: „Trompe l´Œil“.
Die Präsentation stieß zu unserer Überraschung auf positive Resonanz bei den Einwohnern und Vernissagengästen, viele Steine wurden gekauft und auch geklaut.
Ein guter Teil der Steine wurde im Rahmen der anschließenden Pleinair-Ausstellung im Museum Künstlerkolonie in Darmstadt gezeigt. Auch hier wieder viel Zustimmung, und eine Menge Steinverkäufe. Jeder wollte einen solchen Stein haben.
Eine Kiste mit Steinen war übriggeblieben, ich verschenkte sie an einige Freunde und eigentlich schien damit die Geschichte zu Ende zu sein.



AugenReisen

Aber...die Augen waren plötzlich überall, bei mir zu Hause, bei Freunden und Fremden. Wohin ich auch kam, wen ich auch besuchte: Überall schauten mich gemalte Augen an.
Es sollten aber noch drei Jahre vergehen, bis ich die Idee wieder aufgriff.

Denn ein glücklicher Zufall verschlug mich 2001 nach Usbekistan, für ganze 48 Stunden, und im Gepäck war ein AugenStein.

Meine Reise begann am 13.9. 2001, also zwei Tage nach den Anschlägen in New York und Washington. In Taschkent gelang es tatsächlich, einen Fahrer zu finden, der nach Samarkand fuhr. Bei einer kurzen Rast am Rande der Wüste Kysylkum legte ich ohne große Überlegung einen AugenStein an die Straßenböschung.
Damit war das Projekt geboren.

Es sollten noch anderthalb Jahre vergehen, bis aus dieser spontanen Aktion ein künstlerisches Projekt werden sollte. Die Idee entwickelte sich dabei wie in einer Nährlösung des sich wandelnden internationalen politischen Klimas.



Die Natur des Menschen

Wenige Tage vor dem 2. Irakkrieg, am 16.3.2003, beschloß ich: Es sollen AugenSteine in die ganze Welt ausschwärmen, schauen und berichten.
Sie sollen berichten von der Vielfalt der menschlichen Kultur, den großen und kleinen Dingen des Lebens, den tagtäglichen Trivialitäten, der Schönheit der Natur, aber auch von den Verbrechen und Untaten der menschlichen Historie.



Eine friedliche und minimalistische Weltbesetzung

Ohne genaues Konzept gab ich Reisenden Steine mit, Geschäftsreisenden, Urlaubern, Wissenschaftlern, Künstlern und anderen. Die Reisenden konnten selbst einen Platz für „ihren“ Stein bestimmen und in einem kurzen Protokoll vermerken, wo der Stein lag und was er „sah“. Dem Reisenden kam die Rolle des Zeugen zu, er bezeugte mit seinem Namen, daß der Stein wirklich an dem von ihm genannten Ort abgelegt worden war.

Dabei sollte nicht unterschieden werden zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Plätzen, Städten oder Ländern. Auch sollten alle Protokolle und Protokollanten gleichwertig nebeneinander stehen. Politische Verbände, Firmen und Interessengruppen wurden von der Teilnahme ausgeschlossen, die Auswahl der Destinationen erfolgte nach dem Zufallsprinzip.

Als Ziel wurde anvisiert, dass in jedem Staat der Erde mindestens ein Stein liegen sollte. Ausgangspunkt war eine Staatenliste des Deutschen Auswärtigen Amtes, die sich aber mit der Zeit als nur bedingt brauchbar erwies, weil sie eben nur die deutsche Sicht auf die Welt repräsentierte. Da aber Menschen aus allen Teilen der Welt an diesem Projekt teilnahmen, wurde die Staatenliste durch die weitgehend neutrale Mitgliedsliste der UNO ersetzt. Aber auch jetzt hatte die Liste Unschärfen: Militärisch besetzte oder okkupierte Staaten, in mehrere meist verfeindete Teile zerfallene Staaten, eine Reihe von Kolonien und Treuhandgebieten und nichtstaatliche Territorien wie die Antarktis.



TuscheAugen

Die Bemalung der Steine erfolgte übrigens ausschließlich mit schwarzer Tusche. So war gewährleistet, daß das Auge nur für kurze Zeit zu sehen war und beim nächsten Regen verschwand. Der Stein anonymisierte sich auf diese Weise und konnte in der Regel nicht wieder gefunden werden. Es blieb lediglich die Vorstellung eines fremden Steines an einem fremden Ort...

Die Verteilung der Steine entwickelte sich weitaus schneller als gedacht:
Während sich anfangs nur mein Freundeskreis an dem Projekt beteiligte, sprach es sich bald wie ein Lauffeuer herum. Von den vielen (mehrere hundert) Verteilern habe ich vielleicht die Hälfte je zu Gesicht bekommen. Viele Steine wanderten durch mehrere Hände, bevor sie ihr Ziel erreichten.

Erst später erhielt das Projekt einen Namen:
Welt Auge – Der Weg der Steine

Und ein Konzept, in dem die Spielregeln festgelegt wurden.



www.wegdersteine.de

Im Sommer 2003 entwickelte Frankfurter Webdesigner Gerald Wingertszahn aus den Protokollen eine Internetversion. Erst dadurch wurde das Projekt ein öffentliches. -Die Webseite www.wegdersteine.de wurde seitdem ständig aktualisiert und von vielen Menschen auf der ganzen Welt besucht.

Natürlich konnte dieses Projekt nicht allein mit den verbliebenen Steinen des Trompe l´Œil gestaltet werden, im Jahr 2003 wurden in Mirabel eine große Zahl neuer Steine bemalt.

Denn: Zur Regel des Projektes gehörte, daß alle, wirklich alle Steine nur aus Mirabel kommen durften.

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Beginn einer jahrelangen Reise

Seit dem 16. März 2003 waren AugenSteine unterwegs, jede Woche erreichten mich durchschnittlich ein bis zwei Protokolle. Im ersten Jahr des Projektes wurden ca. 100 Steine dokumentiert abgelegt und erreichten sechzig Staaten.
Später verlangsamte sich das Tempo deutlich und die Steine konnten erst nach umfangreichen Recherchen ihre Reise antreten.

Im den letzten Jahren gelang es, vollkommen entlegene Ziele zu erreichen, darunter die Küste des ausgetrockneten Aralsees, die Phosphatinsel Nauru, und Pitcairn, jene Insel, die von den Nachfahren der Bounty-Meuterer bewohnt wird. Steine erreichten außerdem die arktische und die antarktische Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und viele, viele andere Ziele. Höhepunkt des Projektes war sicherlich der Besuch eines AugenSteins auf der Internationalen Weltraumstation ISS im Jahre 2006.
Am 10.12.2010 erreichte ein Stein Malabo in Äquatorialguinea und damit das letzte Land auf unserer langen Liste.
Als aber am 9.7.2011 der Südsudan als Vollmitglied bei den Vereinten Nationen aufgenommen wurde, wurde erneut ein Stein auf Reisen geschickt. Mit der Ankunft des Steines in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, am 12.11.2011 endete das Projekt.
Fast 500 Steine wurden weltweit abgelegt und dokumentiert. Die eigentliche Zahl der reisenden AugenSteine dürfte aber um ein vielfaches höher sein. Es sind dies Steine, zu denen ich keine Rückmeldung erhielt, Steine, die auf dem Postweg verloren gingen, Steine, die gekauft oder einfach mitgenommen wurden, Steine, die weiter verschenkt wurden. Und nicht zuletzt Steine, die in Bücherregalen, Schubladen, Kunst- und Mineraliensammlungen und Gärten vor sich hin schlummern.
Unabhängig von ihrem realen Ort aber ist:
Sie sind Teil eines weltumspannenden, imaginären Koordinatensystems geworden.


Volker Steinbacher
im November 2011



Zu ergänzen ist noch:

Das Kunstprojekt Welt Auge - Der Weg der Steine wurde völlig ohne fremde Geldmittel finanziert, weder der Webdesigner, noch die „Überbringer“ noch der Initiator, haben einen materiellen Gewinn aus diesem Projekt gezogen... und es hat dennoch funktioniert. Die Idee hat Menschen unterschiedlichster Herkunft, sozialen Standes, Religion, Sprache und Kultur unmittelbar eingeleuchtet und zum Mitmachen motiviert – in einer Welt, deren ideologischer Überbau die alles regulierende Kraft des Marktes und des Geldes postuliert, ein gutes Zeichen.





Realisationen

1998 TROMPE L´ŒIL
Anläßlich eines Künstlersymposiums im südfranzösischen Mirabel bemalen der Frankfurter Künstler Volker Steinbacher, Frank Schylla (Darmstadt), Günter Hofmann (Hainichen), Volker Beyer (Langenau), Hans Wutzler (Dresden) und Steffen Morgenstern (Bräunsdorf) Steine, Scherben, Austernschalen und Pflanzen mit Augen, Tieren und anderen Figuren.

Ausstellung der AugenSteine im Museum Künstlerkolonie, Darmstadt im Rahmen der Ausstellung „Pleinair Mirabel“.


2001 Am 13.9. wird in Usbekistan ein erster AugenStein abgelegt.


2003 Am 16.3. beschließt Volker Steinbacher, AugenSteine auf der ganzen Welt abzulegen.
Das Projekt heißt: WELTAUGE / DER WEG DER STEINE.
(siehe Projektbeschreibung)

Im Sommer erstellt der Frankfurter Webdesigner Gerald Wingertszahn unter der Adresse www.wegdersteine.de eine Webseite, die ständig aktualisiert wird.

DER WEG DER STEINE, Präsentation des Projektes anlässlich der Ausstellung Pleinair Mirabel im Museum Künstlerkolonie, Darmstadt.
Es werden 50 Dokumentationen von 35 Staaten gezeigt.


2004 DER WEG DER STEINE, Interview am 15.2., Radio X, Frankfurt/Main.
Es liegen inzwischen 100 Steine in ca. 70 Ländern.


2005 DER WEG DER STEINE, Installation im Alten Ort von Neu-Isenburg.(Katalog)
In den strahlenförmig in alle Himmelsrichtung laufenden Gassen der
Neu-Isenburger Altstadt werden 140 Dokumentationen von 105 Staaten gezeigt.


2006 DER WEG DER STEINE, Ausstellung im KunstArchiv Darmstadt. (Katalog)
Es liegen inzwischen 290 Steine in 135 Ländern.

2010 Welt Auge – Der Weg der Steine, Ausstellung im Kunstverein Marburg.
Es liegen inzwischen mehr als 450 Steine in 190 Ländern.